Keine einmalige Aktion

Mit dem WPU Sprache und Bewegung in einem Flüchtlingsdorf

Ein gelungenes Experiment

„Einen zurruck!“ schreit Mohammed begeistert und schiebt seinen Kumpel Isak zurück auf Start. Die SchülerInnen des WPU`s Sprache und Bewegung schauen sich an: Sie haben sich ganz genau überlegt, welchen Wortschatz sie mit dem Brennball-Spiel einführen wollen; „einen zurück“ kam darin definitiv nicht vor. Aber „einen zurück“ haben alle KursteilnehmerInnen gerufen, wenn es einer nicht schafft, den nächsten Posten rechtzeitig zu erreichen.

Konsequentes Handeln bei Regelverstößen

Ein Jahr sind wir mit unserem WPU-Kurs in der zentralen Erstaufnahme in dem Holstenhofweg und arbeiten einmal die Woche für eine Stunde mit den Flüchtlingskindern. Zunächst hatten wir eine Turnhalle und den Sportplatz für die Angebote mit den Zehn- bis Siebzehn-Jährigen zur Verfügung. Nun ist die Turnhalle mit weiteren Flüchtlingen belegt und wir weichen bei schlechten Wetterverhältnissen auf einen 30 qm großen Raum aus, der uns von den zwei Lehrerinnen vor Ort in dem Schulpavillion zur Verfügung gestellt wird.

Die Idee, über Bewegungsangebote spielerisch Sprachförderung anzubieten, haben beide Lehrerinnen und die Leitung der Erstaufnahme sofort befürwortet und uns den Weg geebnet. Gerade Bewegung ist das, was den Kindern hier fehlt. Sie leben mit ihren Familien auf engstem Raum und sind in einer zermürbenden und ermüdenden Warteposition auf einen – so hoffen alle – positiven Bescheid. Die Kinder sind demzufolge bei Bewegungsangeboten Feuer und Flamme, aber eben auch kaum zu bändigen.

Das Erste, was wir hier als Kurs lernen, ist das Aufstellen und das Überwachen der Einhaltung von Regeln und das konsequente Reagieren auf Regelverstöße. Das geht nur, wenn alle Kursteilnehmer gemeinsam Verantwortung übernehmen und Berührungsängste abbauen.

Da sprachliche Verständigung nur in Ansätzen möglich ist, bedeutet das eine klare Körpersprache, deutliche Gestik und Mimik und nicht zuletzt auch das beherzte körperliche Eingreifen. Und es funktioniert: Nicht nur, dass die Kinder sich schnell in das Regelwerk einfügen und Streitigkeiten kaum vorkommen, sie achten selber auf die konsequente Einhaltung und reagieren bei Verstößen der Kumpels: „einen zurruck!“ - Mohammed passt auf.

Alle machen mit

Das regelmäßige Arbeiten mit fest ritualisiertem Beginn und Abschluss lässt die Kinder schnell Vertrauen aufbauen. Zu unserem Erstaunen können sie unsere Namen nach kürzester Zeit, haben keine Scheu, im Kreis unsere Hände zu fassen und stürmen auf uns zu, wenn sie uns mit Bällen, Schwungtuch, Springseil und Ähnlichem beladen auf das Gelände kommen sehen.

Immer eine Schülergruppe von vier Personen übernimmt einen Vormittag. Alle Kursteilnehmer unterstützen diese Gruppe und machen aktiv die Spiele mit – auch die Kursleiter – Ausnahmen gibt es keine. Jede Gruppe hat einen Sprachförderschwerpunkt erarbeitet, der kreativ mit einem Bewegungsangebot verknüpft ist. So geht es in einer Woche um die Farben. Diese werden in der kommenden Woche wiederholt, ergänzt oder mit neuen Elementen verbunden.

Es folgt eine differenzierte gemeinsame Reflexion. Hier kommt es den SchülerInnen zugute, dass der WPU-Kurs von der Struktur so angelegt ist, dass eine Kollegin in dem Lernfeld Spiel und eine in dem Fach Sprache und Kommunikation beheimatet ist. Der rote Faden und der Spannungsaufbau in den Angeboten ist somit genauso Thema wie die Benutzung der Artikel und das Einführen von gängigen Sprachfloskeln.

Wir haben viel gelernt

Ein kontinuierliches, aufeinander aufbauendes sprachförderndes Arbeiten ist allerdings nur begrenzt möglich, da die Kinder jederzeit in ihre Heimat zurück fahren oder auch in eine Folgeunterkunft wechseln können. So fehlen Mohammed und Isak irgendwann. Dafür sind Hamid und Najib da. Wir müssen flexibel reagieren, nicht nur auf die einzelnen Kinder und die wechselnde Altersstruktur, sondern auch auf die Anzahl der Teilnehmenden, die ebenso variiert, wie natürlich auch auf das Wetter. Für uns als Kursleiterinnen ist dieser Kurs ebenso Premiere wie für unsere SchülerInnen. Auch wir waren zuvor nie in einer Erstunterkunft oder haben mit Flüchtlingskindern gearbeitet. Es ist ein gemeinsames Experiment, das aus unserer Sicht gelungen ist.

Was nehmen unsere SchülerInnen aus den Erfahrungen in einem Flüchtlingsdorf mit?

  • Berührungsängste sind abgebaut: Die Sorge vor den Reaktionen der Kinder, die durch eventuelle Traumatisierungen hervorgerufen werden können, stellte sich als unbegründet heraus. Die Sprachbarriere war leichter überwindbar als befürchtet.
  • Der Kurs ist durch die gemeinsame Verantwortungsübernahme in seinem Gruppenzusammenhalt gestärkt.
  • Kompetenzen in der Angebotsplanung von Bewegungsspielen sind erworben.
  • Sprachförderkompetenzen sind vor allem in dem Bereich Wortschatzförderung bei Zweitspracherwerb vertieft.
  • Reflexionsfähigkeit ist unterstützt und Entwicklung von alternativen Angebotsaktivitäten ist geübt.
  • Eine Spielekartei für den konkreten Einsatz mit Kindern ohne Deutschkenntnisse zur Bewegungs- und Sprachförderung ist entwickelt.

Eine unserer Schülerinnen hat ein Bewerbungsverfahren beim Deutschen Roten Kreuz für die Arbeit als Erzieherin in einer Kita einer Erstunterkunft laufen.

Wir wünschen ihr viel Erfolg!

Sylvia Stehrenberg und Gitta Carstensen